Gerda Engelbracht
Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus
Frankfurt 2014, Mabuse Verlag

Zwischen 1934 und Kriegsende wurden in den Grenzen des Deutschen Reiches ca. 400.000 Menschen zwangsweise sterilisiert, zwischen 1939 und 1945 mehr als 200.000 ermordet. Unter ihnen waren viele tausend Kinder und Jugendliche.
Am Beispiel der Hansestadt Bremen beleuchtet dieser Band, wie Minderjährige zum Opfer von Medizinverbrechen wurden. Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass über 30 Bremer Kinder in der „Kinderfachabteilung“ der Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt den Tod fanden.
Die Autorin zeichnet ein detailliertes Bild des organisatorischen Ablaufs mit allen daran beteiligten Behörden, Institutionen und Personen. In Kurzbiografien rekonstruiert sie die Lebensspuren der getöteten Jungen und Mädchen. Ihre Interviews mit Angehörigen zeigen, wie die tabuisierte Vergangenheit bis heute wirkt.

Rezensionen (Auszüge)
"Gerda Engelbracht ist eine eindrucksvolle Regionalstudie zu den Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen gelungen, der man weite Verbreitung wünscht."
Dr. Sylvelyn Hähner-Rombach, Medizin- und Pflegehistorikerin, Stuttgart (Dr. med. Mabuse, November/Dezember 2014)

"In der Literatur und den Gedenkworten zu den Verbrechen des Nationalsozialismus wird oft und mit gutem Recht auf die große Zahl der Opfer und auf ihre Masse hingewiesen. Um der Dimension der Verbrechen gerecht zu werden, ist dieses Geltendmachen der großen Zahl auch angemessen. Doch es kann dabei zu unbeabsichtigten Folgen kommen, von denen die Gewöhnung und das numerische Vergleichen mit welthistorischen Ungeheuerlichkeiten anderer Art nur einige Varianten sind. Und genau hier liegt die besondere Bedeutung einer regionalgeschichtlichen Aufarbeitung, wie sie Gerda Engelbracht vorgelegt hat: Ihre besonders auf die Individualität der Opfer ausgerichtete Studie kann nicht zuletzt auch ein Antidotum gegen die unbeabsichtigten und schlimmen Nebenwirkungen der Argumentation mit der großen Zahl sein. Ich empfehle dieses Buch mit gutem Gewissen zur Lektüre."
Dr. Alexander Brandenburg (www.socialnet.de)

"Der Autorin analysiert das System der Kinderfachabteilung in Lüneburg, zeigt Täterbiographien auf und geht noch einen Schritt weiter. Die von ihr eruierten Opfer werden in Kurzbiographien vorgestellt, in einigen Fällen werden diese ergänzt durch Interviews mit noch lebenden Angehörigen. Gerade dieser andere Zugang ist ein Mehrwert der Unersuchung, verweist er doch auf das besondere Schicksal der 'Euthanasieopfer'".
Dr. Wolfgang Woelk (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Bd. 102, H. 2, 2015)

Gertraude_Mutter
Gertraude Küchelmann (1939-1942) wurde in der "Kinderfachabteilung" Lüneburg ermordet (Foto: privat)
  Jahresfest1938
Bewohner des Hauses Reddersen, 1938. Auch sie zählten zu den Opfern der NS-Medizinverbrechen (Foto: Kulturambulanz Bremen)